Ein 5:0 zum Liga-Comeback vor 4.244 Zuschauern am Innsbrucker Tivoli. Auf dem Spielfeld startete der FC Wacker Innsbruck eindrucksvoll in die neue Zweitligasaison. Dabei taten sich die Schwarz-Grünen zu Beginn gegen SW Bregenz noch schwer. Geduld war gefragt, ehe der Bann gebrochen war. Danach zeigte die Mannschaft genau jene Effizienz und Kaltschnäuzigkeit, die Spitzenteams auszeichnen. Alle fünf Comebacktore waren zum mit der Zunge schnalzen. Die zweite Halbzeit war souverän, die Defensive ein Bollwerk.
Mehr möchte ich über dieses Spiel eigentlich gar nicht schreiben. Nicht, weil es nichts zu erzählen gäbe. Wie etwa, dass erstmals die FCW-Fans wieder eine Ausnahmebewilligung zum Abrennen von Pyrotechnik (gem. § 39 Abs. 3 PyroTG) hatten, an diese sich alle Beteiligten vorbildlich gehalten haben! Sondern weil genau jetzt der richtige Zeitpunkt ist, diesen Auftakt richtig einzuordnen. Denn kaum ein Verein kennt die zweite Liga besser als der FC Wacker Innsbruck.
Das erste Mal 2. Liga
Als 1979 nach den glorreichen Meisterjahren der erste Bundesliga-Abstieg feststand, schien eine Welt zusammenzubrechen. Eben noch hatte SSW Innsbruck Österreich beherrscht, plötzlich wartete der graue Alltag der zweiten Division. Doch selbst dort war Wacker nie allein. Die Liga bescherte der Stadt Innsbruck ein Derby, das heute beinahe in Vergessenheit geraten ist. Gegner war die SPG Raika Innsbruck – ein Zusammenschluss mehrerer Innsbrucker Traditionsvereine. Der Innsbrucker SK, der SV Innsbruck und später auch der ESV Austria Innsbruck bündelten ihre Kräfte, um der Dominanz des SSW Innsbruck sportlich Paroli zu bieten. Das Projekt entwickelte sich überraschend erfolgreich, spielte in der Spitzengruppe der zweiten Division mit und machte Innsbruck Ende der 1970er-Jahre zu einer echten Fußballstadt mit zwei ambitionierten Vereinen. Die Stadt war elektrisiert. Plötzlich ging es nicht mehr nur um Punkte, sondern um die Vorherrschaft in der Tiroler Landeshauptstadt. Rund 14.000 Zuschauer verfolgten eines dieser Stadtderbys – eine Kulisse, von der viele Zweitligisten selbst heute nur träumen können. Es waren Spiele voller Emotionen, Rivalität und Leidenschaft. Zwei Jahre später kehrte Wacker wieder in die Bundesliga zurück. Die Derbyjahre gegen die SPG Raika Innsbruck bleiben jedoch ein ganz besonderes Kapitel der Vereinsgeschichte.
Es ging nicht mehr nur ums Geld
Mehr als zwanzig Jahre später folgte einer der schwersten Einschnitte der Vereinsgeschichte. Nach dem Konkurs des inzwischen FC Tirol Innsbruck benannten Vereins im Jahr 2002, besann man sich auf seine Wurzeln. Zunächst entstand der FC Wacker Tirol. Viele glaubten, der Spitzenfußball in Innsbruck sei nun endgültig Geschichte. Doch aus den Trümmern entstand neue Hoffnung. Der Durchmarsch der SPG Wattens/Wacker aus der Regionalliga bis in die Bundesliga wurde von einer ganzen Region getragen. Wobei man auf Betreiben der Bundesliga die Spielgemeinschaft auflösen musste, die man eigentlich mindestens drei Jahre weiterlaufen lassen wollte.
In der Saison 2003/04 wartete mit dem SV Wörgl das nächste große Tiroler Derby. Die Begegnungen elektrisierten das ganze Land. Wer ist oder bleibt die sportliche Nummer eins im „Heiligen Land“? Tausende Zuschauer sorgten für eine Atmosphäre, wie sie nur Traditionsvereine erzeugen können. Am Ende krönte sich Wacker zum Meister der Ersten Liga und kehrte eindrucksvoll in die Bundesliga zurück.
Nächster Neustart in Liga 2
Nach dem Bundesliga-Abstieg 2008 begann erneut ein Neuaufbau für den nun endlich wieder unter dem einzig wahren Namen FC Wacker Innsbruck auflaufenden Klub. Die erste Saison endete knapp hinter dem Aufstieg, ehe 2010 unter Trainer Walter Kogler die Rückkehr ins Oberhaus gelang. Tausende Wackerianer begleiteten ihre Mannschaft quer durch Österreich. Auswärtsspiele wurden zu Heimspielen. Wieder zeigte sich, welche Kraft der Tiroler Traditionsverein zu entwickeln vermag. Das alles entscheidende Aufstiegsspiel gegen die Red Bull Juniors im Paschinger Waldstadion und die anschließende Feier mit rund 4.000 mitgereisten Schwarz-Grünen werden wohl für immer einen besonderen Platz in den Erinnerungen der Wacker-Familie einnehmen.
Legendäre Begegnungen
Die wohl emotionalsten Zweitliga-Duelle der jüngeren Vereinsgeschichte folgten nach dem Abstieg 2014. Als der FC Wacker Innsbruck und die 2005 neu gegründete Austria Salzburg in der Saison 2015/16 erstmals wieder in einer Meisterschaft aufeinandertrafen, war sofort klar: Das ist weit größer als nur ein Fußballspiel. Zwei Traditionsvereine, die ihren Namen, ihre Farben und ihre Identität nie aufgegeben hatten. Zwei stimmungsreiche Fanszenen, die den österreichischen Fußball bereichern. Kilometerlange Fanmärsche, beeindruckende Choreografien, ausverkaufte Stadien und eine Atmosphäre, die ihresgleichen sucht. Viele sprechen bis heute von den legendärsten Zweitligaspielen der vergangenen Jahrzehnte. Selbst ein „Geisterspiel“ in Schwanenstadt oder ein Westderby im Wiener 21. Bezirk konnten dieser besonderen Rivalität nichts anhaben.
Tiroler Derbys
Aus Partnern wurden Rivalen. Ein Jahr später bekam die Derbygeschichte eine gänzlich neue Dimension. 2016/17 kehrte die WSG Wattens in die zweite Liga zurück – jener Verein, mit dem Wacker zwischen 1971 und 1986 als Spielgemeinschaft SSW Innsbruck die erfolgreichste Zeit der Vereinsgeschichte erlebt hatte. Gemeinsam feierte man fünf Meistertitel, fünf Cupsiege und legendäre Europacup-Nächte. Nun standen sich die einstigen Partner erstmals als Ligakonkurrenten gegenüber. Aus einer historischen Partnerschaft wurde eine – vor allem von der Präsidentin der Wattener forcierte – Rivalität.
Die Diskussionen über Tradition, Identität und Geschichte bestimmten wochenlang die Schlagzeilen. Wer trägt die Geschichte des Tiroler Spitzenfußballs weiter? Wem gehört das Erbe der Spielgemeinschaft? Fragen, die weit über den Fußball hinausgingen. Auf den Rängen war die Spannung greifbar. Für viele Wackerianer waren diese Tiroler Derbys deshalb weit mehr als 90 Minuten Fußball – sie waren ein Stück Vereinsgeschichte. Und drei der ersten vier Duelle gingen an die ohne Druck aufspielenden Wattener. Etwas, das aus schwarz-grüner Sicht eigentlich nie hätte passieren dürfen. Aber genau das ist Fußball. Das sollte sich eine Saison später aber wieder komplett drehen. Da gewann der FCW sämtliche vier Spiele gegen Wattens.
Höchste Not
2018 folgte schließlich die Erlösung. Nach vier langen Jahren in der zweiten Liga feierte der FC Wacker Innsbruck den Meistertitel und kehrte verdient in die Bundesliga zurück. Das Tivoli verwandelte sich in ein schwarz-grünes Freudenmeer, die Innsbrucker Innenstadt und selbst der Inn wurden von bengalischem Licht erhellt. Doch die größte Prüfung sollte erst noch kommen.
Nach dem bitteren und richtungsweisenden Bundesliga-Abstieg 2019 hofften viele auf den nächsten Anlauf. Stattdessen geriet der Verein immer stärker in wirtschaftliche Turbulenzen. 2022 folgte der Konkurs der FC Wacker Innsbruck GmbH. Die Lizenz für den Profifußball war verloren, die Kampfmannschaft verschwand aus der 2. Liga. Für viele Außenstehende war das das Ende des Profifußballs. Für Insider begann hingegen das Bangen und der Kampf um das Überleben ihres Vereins. Denn der FC Wacker Innsbruck bestand längst nicht nur aus seiner ausgegliederten GmbH. Er war immer mehr als sein Profibetrieb. Er war seine Mitglieder, seine Ehrenamtlichen, seine Nachwuchs- und Damenmannschaften mir einer Anhängerschaft, die weit über Tirol und Österreich hinausreicht.
Die Rückkehr
Heute spielt der FC Wacker Innsbruck wieder vor tausenden Menschen. Nicht, weil der Weg einfach war, sondern weil Generationen von Schwarz-Grünen ihren Verein niemals aufgegeben haben. Vielleicht erzählt gerade die Geschichte der zweiten Liga am besten, was den FC Wacker Innsbruck wirklich ausmacht. Nicht die Titel und Tabellen, sondern die Fähigkeit, immer wieder aufzustehen. Kaum ein Verein in Österreich musste so viele Rückschläge verkraften. Kaum ein Verein hat sich so oft zurückgekämpft. Und wohl kein anderer Klub kann auf eine Zweitliga-Geschichte mit so vielen legendären Spielen, emotionalen Momenten und unvergesslichen Wiederaufstiegen zurückblicken.
Der 5:0-Erfolg gegen Bregenz war ein gelungener Auftakt. Mehr aber auch nicht. Diese Liga hat den FC Wacker Innsbruck schon oft jubeln lassen, sie hat ihn aber ebenso Demut gelehrt. Genau deshalb sollte man diesen Sieg genießen, ohne den Boden unter den Füßen zu verlieren. Denn die 2. Liga war für den FC Wacker Innsbruck nie bloß eine Spielklasse. Sie war immer der Ort, an dem der Mythos Wacker nach jedem Rückschlag wieder neu geboren wurde.
Foto: GEPA/Daniel Schönherr
