Auf in den „21.“
Die vierte Auswärtsfahrt seit der Rückkehr in den Profifußball führte uns in den 21. Wiener Gemeindebezirk (Floridsdorf). Für viele Wiener schlicht der „Oanazwanzigste“. Ein Bezirk nördlich der Donau, dessen Geschichte stark von Industrie und Arbeiterschaft geprägt wurde. 1904 wurde Floridsdorf nach Wien eingemeindet. Genau in diesem Jahr wurde auch jener Verein gegründet, der am Samstag unser Gastgeber war: der Floridsdorfer Athletiksport-Club.
Ziel unserer Reise war die Hopfengasse. Schon die Adresse klingt für Fußballfans irgendwie sympathisch. Und tatsächlich hat der Name mit Bier zu tun. Die 1892 benannte Hopfengasse erinnert an die einstige Brauereitradition in Jedlesee und das dortige Brauhaus. Hopfen und Fußball. Das gehört zusammen. Wobei man nach diesem Nachmittag aus schwarz-grüner Sicht vielleicht besser nicht auf das Ergebnis anstoßen wollte.
Wer heute FAC hört, denkt wohl in erster Linie an einen kleinen, etablierten Wiener Zweitligisten. Dabei gehört der Verein zum erlesenen Kreis jener Klubs, die sich österreichischer Fußballmeister nennen dürfen. Seine große Zeit erlebte der FAC vor mehr als 100 Jahren. 1916 und 1917 wurden die Floridsdorfer Vizemeister, ehe 1917/18 der österreichische Meistertitel nach Floridsdorf ging. Rapid Wien wurde aufgrund des besseren Torverhältnisses auf Platz zwei verwiesen. 1943/44 gelang noch einmal die Vizemeisterschaft.
Danach verschwanden die Floridsdorfer immer mehr aus dem Rampenlicht. Abstiege, Aufstiege, Fusionen und Namensänderungen begleiteten den Verein über Jahrzehnte. Aus einem österreichischen Meister wurde irgendwann ein Klub der unteren Ligen. 2014 gelang schließlich nach 47 Jahren die Rückkehr in die zweithöchste Spielklasse. Seither ist der FAC dort geblieben und längst zu einer festen Größe geworden. Vergangene Saison mischten die Wiener lange sogar im Kampf um den Bundesliga-Aufstieg mit. Klein vielleicht, aber sicher keine Laufkundschaft.
Ein Platz mit viel Geschichte
Auch die Hopfengasse selbst hat österreichische Fußballgeschichte geschrieben – ursprünglich allerdings gar nicht mit dem FAC. 1933 übersiedelte die damals große Admira Wien auf die Anlage. Rund 15.000 Menschen sollen hier Platz gefunden haben. Fußballfeld, Laufbahn, Trainingsplatz, Tennisplätze und sogar ein Boxring gehörten zur Sportanlage. Wer heute auf den kleinen FAC-Platz kommt, kann sich kaum vorstellen, dass hier einmal fünfmal so viele Menschen Platz fanden.
Erst 1966, als die Admira schließlich Floridsdorf verließ und in die Südstadt übersiedelte, übernahm der FAC die Anlage. Seither ist die Hopfengasse Heimat der Blau-Weißen. Keine moderne Arena, kein Fußballtempel mit zigtausend Sitzplätzen, sondern ein kleiner, enger Fußballplatz mitten im Bezirk. Mehr oder weniger ein Überbleibsel aus einer Zeit, in der Stadien noch nicht nach dem selben Baukastensystem errichtet wurden. Und gerade deshalb hat die Hopfengasse ihren Reiz.
Zu diesem Ort gehört allerdings auch eine Geschichte, bei der Fußball völlig bedeutungslos wird. Von Juli 1944 bis April 1945 befand sich in der Hopfengasse ein Außenlager des Konzentrationslagers Mauthausen. Auf dem Areal des heutigen FAC-Platzes standen Baracken für KZ-Häftlinge und Zwangsarbeiter. Auch das gehört zur Geschichte dieses Platzes und sollte nicht vergessen werden.
Elf Meistertitel – und keine Punkte
Am Samstag standen sich damit zwei ehemalige österreichische Meister gegenüber. Der FAC mit seinem Titel von 1918 und Wacker mit seinen zehn Meisterschaften. Zusammen elf österreichische Meistertitel auf einem Platz, der heute zu den kleinsten Spielstätten im österreichischen Profifußball gehört. Fußball kann schon eigenartige Geschichten schreiben.
Die bisherige Bilanz sprach klar für Schwarz-Grün: 22 Duelle, elf Wacker-Siege, sieben Remis und nur vier Erfolge des FAC bei 32:20 Toren. Auch die Hopfengasse war kein schlechtes Pflaster. Fünf Siege und drei Remis standen bei elf Gastspielen zu Buche, das letzte 2021 wurde mit 3:1 gewonnen. Statistiken haben allerdings einen entscheidenden Nachteil: Sie schießen keine Tore.
Dieses Mal blieben die Punkte in Floridsdorf. Und man muss nicht lange um den heißen Brei herumreden: Der FAC gewann verdient mit 2:0. Die Wiener wirkten primär vor der Pause abgeklärter, hatten mehr Ideen und nutzten ihre Möglichkeiten. Wacker bemühte sich, fand offensiv aber zu selten Lösungen. Zehn Eckbälle schauen auf dem Papier nett aus. Wenn daraus keine wirkliche Gefahr entsteht, bleiben es eben zehn Eckbälle. Dazu kam erneut Verletzungspech. Alexander Joppich musste bereits in der ersten Halbzeit raus, auch Phil Kunze bereitete später Sorgen. Mehr muss man über die 90 Minuten gar nicht schreiben.
Lehrgeld darf nicht zu teuer werden
Nach drei Aufstiegen in Folge und dem starken Start in die 2. Liga darf man eines nicht vergessen: Wir sind Aufsteiger. Die vergangenen Jahre waren wir meistens jene Mannschaft, die den Gegner dominierte und irgendwann niederrang. Jetzt warten Gegner, die Fehler nicht nur erkennen, sondern bestrafen. Der FAC kann das. Das hat man gesehen. Lehrgeld gehört dazu. Nur sollte man aufpassen, dass daraus kein teurer Spaß wird. Die Niederlagen gegen Blau-Weiß Linz und den FAC zeigen, dass gegen erfahrene Zweitligateams noch einiges fehlt. Abgezocktheit kann man nicht kaufen. Man muss sie sich erarbeiten. Unsere unerfahrene Mannschaft muss schnell lernen, die Spieler den nächsten Entwicklungsschritt machen.
Nach fünf Runden stehen neun Punkte auf dem Konto. Drei Siege, zwei Niederlagen. Vor wenigen Monaten spielten wir noch Regionalliga, vor vier Jahren begann unsere Reise durch das Unterhaus. Heute ärgern wir uns, weil wir die Gelegenheit ausgelassen haben, in der 2. Liga ganz vorne mitzumischen. Auch das muss man sich einmal auf der Zunge zergehen lassen.
Deshalb wird niemand wegen einer 0:2-Niederlage in Floridsdorf eine schwarz-grüne Weltuntergangsstimmung ausrufen. Euphorie ist wunderbar. Erwartungen wachsen mit Erfolgen aber verdammt schnell. Die Hopfengasse hat uns gezeigt, dass der Weg noch lang ist. Keine Punkte mitgenommen. Dafür aber hoffentlich etwas gelernt. Und wenn es so ist, war selbst das Lehrgeld in Floridsdorf nicht völlig umsonst.
Da man nur schwer über Reisen berichten kann, wo man nicht mehr immer dabei sein kann, findet neben dem Auftritt der Schwarz-Grünen eben viel historisches meine Aufmerksamkeit. Um zu zeigen, welche kulturellen wie auch traditionellen „Schätze“ der österreichische Fußball zu bieten hat. Der FC Wacker Innsbruck ist Tiroler Kulturgut. Als „Kulturgut“ und als „Traditionsverein“ sind die Schwarz-Grünen in Österreich nicht alleine.
Foto: GEPA pictures/ Edgar Eisner
