Rocky Horror Show – das Westderby kann kommen

Rocky Horror Show – das Westderby kann kommen

12. Oktober 2026·Rudolf Tilg·6 Min. Lesezeit

Fußball lebt von Punkten, Tabellen und Toren. Zum Mythos wird er aber durch seine Geschichten. Durch Erinnerungen, die Jahrzehnte später noch ein „Weißt no?“ auslösen. Und manchmal beginnt eine neue Geschichte bereits in der ersten Minute. Schwarz-Grün in Hütteldorf 8. Runde der Admiral 2. Liga. FC Wacker Innsbruck bei Rapid II im „Weststadion“ – und […]

Schwarz-Grün in Hütteldorf

8. Runde der Admiral 2. Liga. FC Wacker Innsbruck bei Rapid II im „Weststadion“ – und kaum hatte man sich hingesetzt, stand es schon 1:0 für Schwarz-Grün. Kapitän Rami Tekir verlagerte nach links, Luis Gstrein zündete den Turbo, zog Richtung Tor und versenkte den Ball im langen Eck. Erste Minute. Besser kannst auswärts kaum starten.

Wacker blieb offensiv, suchte Gstrein über den Flügel und Yanis Guermouche in der Tiefe. Nur der letzte Pass wollte nicht so recht ankommen. Rapid kombinierte sich immer wieder heraus, biss sich aber lange an der Innsbrucker Defensive die Zähne aus. Kurz vor der Pause musste Juri Kirchmayr zweimal zeigen, warum er zwischen den Pfosten steht. Music scheiterte in der 43. und 44. Minute am Wacker-Keeper. Was danach folgte, war nichts für schwache Nerven: dramatisch, hochspannend – und letztlich mit dem besseren Ende für Schwarz-Grün. Acht Minten vor Ende der Partie gelang Rapid II durch einen Elfmeter der Ausgleich und kassierte in der Nachspielzeit dennoch den Knockout. Der folgende Jubel kannte keine Grenzen mehr. Das tollste an diesem Spiel war aber eine traumhafte Kombination der wackeren Ballesterer, die Adrian Lechl mit einem Fallrückzieher vollendete. Leider wurde es statt das Tor des Jahres nur ein Aluminiumtreffer. 

Die Wacker-Fans waren im Stadion zahlreich vertreten. Manche meinen gar an die tausend Schwarz-Grüne waren unter den offiziell 1020 Zuschauern. Der Auswärtssektor war jedenfalls gut gefüllt und auch auf den Tribünen sah man viele Wackerianer. Der Jubel nach dem Siegestor in letzter Minute war unbeschreiblich. Einfach Gänsehaut pur.

Video: bruckiblogspotcom

Unser violetter Derbygegner machte es sogar noch später. Austria Salzburg versetzte dem FAC erst in der fünften Minute der Nachspielzeit den K.O. Na wunderbar. Beide sind warmgelaufen. Das Derby aller Derbys kann kommen.

Wacker mitten im Gebirge

Ich selbst war diesmal nicht in Hütteldorf, sondern sah mir das Spiel gemeinsam mit dem Wacker-Fanclub „Westliches Mittelgebirge“ an – passenderweise mitten im Mittelgebirge. Der 2025 gegründete Fanclub hatte zum Public Viewing in den Götzner Hof geladen. Während bei den anwesenden Schwarz-Grünen die Nerven zunehmend blank lagen, blieb eine völlig cool: Diren, die Wirtin. In Innsbrucks Fußballszene keine Unbekannte, war sie doch früher Wirtin der Kantine in der Wiesengasse beim ältesten Fußballverein der Stadt.

89 Mitglieder zählt der junge Fanclub mittlerweile. Eingetragene Fanclubs sind bei uns eher eine Rarität. Neu ist die Idee freilich nicht. Schon „Westlife Vomperbach“ ging diesen Weg. Bleibt zu hoffen, dass die Mittelgebirgler länger durchhalten und nicht irgendwann – Verzeihung, der musste sein – den „Bach“ runtergehen. Belächeln sollte man sie ohnehin nicht. Was bei unseren Lieblingsnachbarn in Deutschland Usus ist, besitzt bei uns Seltenheitswert. Dabei sind genau solche Gemeinschaften ein Teil dessen, was Fußball ausmacht.

Weißt no, im alten Tivoli?

Wenn Wackerianer zusammensitzen, oder im „tivoli12 Fanforum“ philosophieren, dauert es ohnehin nicht lange, bis die alten Geschichten kommen: das rhythmische Hämmern aufs Blech, bei dem sich so mancher immer einen mordsdrum Hammer als Werkzeug vorgestellt hatte. Hauptsache, es hat ordentlich gescheppert. Oder der legendäre ältere Herr mit Hut, der über das hohe Absperrgitter turnte, seinen Hut durch die Gegend schleuderte und irgendwann von Ordnern oder Sanitätern abgeführt wurde. Warum? Keine Ahnung. Manche Geheimnisse des alten Tivoli dürfen Geheimnisse bleiben.

Hinter der Ost lag die steile Böschung zum Tivoli-Schwimmbad hinunter, hinter der Süd praktisch schon der Südring, hinter der Nord standen Kioske und WCs. Wenn kaum Gästefans da waren, wurde die Ost zum „Wandern“ geöffnet und manche wechselten in der Pause gemütlich dorthin, wo Wacker in der zweiten Halbzeit angriff. Die Anzeigetafel bestand aus „Platz“, „Gäste“ und zwei Zahlen. Wenn sie nach einem Tor auch noch blinkte, war das höchste der digitalen Gefühle erreicht.

Für das Europacupspiel gegen IFK Göteborg wurde dagegen auf der Ost eine Zusatztribüne errichtet – rund 21.000 Menschen im alten Tivoli! Unvergessen auch die Föhnspiele: Wacker spielte gefühlt meistens schlecht und die Blechtribünen Nord und Süd knatterten derart im Wind, dass man sich fragte, ob nach dem Schlusspfiff noch alles steht. Es war eben alles „durch den Wind“. Später kamen auf der Südtribüne Sitzplätze dazu. Die Kapazität sank von 17.200 Plätzen, auf 15.000. International wurden es noch viel weniger.

Kulinarisch gab es Frankfurter, Landjäger mit Senf und Semmel und natürlich die legendären fliegenden Brezenverkäufer. Unter der West soll zeitweise sogar der spätere Haubenkoch Alfred Miller Schnitzel herausgebacken haben. Haubenküche im Tivoli – wir waren unserer Zeit voraus. Danach schnell heim, denn um 18 Uhr kam Fußball im ORF. Keine TVthek, kein Zurückspulen. Wer Manfred Gabrielli hören wollte, musste pünktlich vor dem Fernseher sitzen. So einfach war Fußball – und vielleicht gerade deshalb so schön.

Im neuen Innsbrucker Tivoli ist mal ein Ferkel mit violetten Schal geschmückt, direkt Richtung Auswärtssektor gedüst. Das Tiroler „Schweinchen Babe“ ließ sich von niemandem davon abhalten.

Jetzt wird Innsbruck zur Bühne

Zurück ins Jahr 2026. FC Wacker Innsbruck gegen Austria Salzburg. Westderby. Ausverkauftes Tivoli. Schwarz-Grün gegen Violett. Zwei Traditionsvereine, zwei große Fanszenen und eine Rivalität, für die es keine Marketingabteilung braucht.

Schon am Donnerstag wird unsere Mannschaft auf das lange ersehnte Derby eingestimmt. Treffpunkt ist um 16.20 Uhr beim Tivoli. Am Freitag wird Innsbruck dann endgültig zur Fußballstadt. Die Salzburger treffen sich beim Fenner-Busparkplatz und spazieren von der Kaiserjägerstraße durch Dreiheiligen Richtung Pradl und Tivoli. Die Tivoli Nord geht dagegen ins Theater. Zumindest fast. Treffpunkt ist um 15 Uhr vor dem Innsbrucker Landestheater. Ausgerechnet dort läuft derzeit die so herrlich schräge „The Rocky Horror Show“. Mehr Steilvorlage geht eigentlich nicht: Bleibt nur zu hoffen, dass Wacker am Abend das Derby rockt – und die Violetten den Horror erleben. Aber mit Sicherheit wird der Freitag, frei nach der Handlung der Show im Landestheater: „außerirdisch“.

Danach wartet ohnehin das größte Theater der Stadt. Ohne Samtvorhang, ohne Loge und ohne Schauspieler. Dafür mit mehr als 16.125 Menschen, zwei Kurven und einer Lautstärke, bei der selbst das Landestheater kurz nachfragen könnte, was da drüben eigentlich gespielt wird.

Vorhang auf!

Das alte Tivoli ist längst Geschichte. Der Mann mit Hut ist verschwunden, die Blechtribünen scheppern nicht mehr im Föhn und die Brezenverkäufer kämpfen sich nicht mehr durch die Nord. Aber etwas ist geblieben: dieses Kribbeln. Dieses „Wann is endlich Spieltag?“. Dieses Gefühl, dass 90 Minuten Fußball plötzlich wichtiger erscheinen als alles andere. Vielleicht beginnt am Freitag eine jener Geschichten, über die wir in 30 Jahren wieder mit einem „Weißt no?“ anfangen. Ich dann mit beinahe 95 Jahren, oder als Gespenst am Tivoli. 

Rocky Horror läuft im Landestheater. Rock n’ Roll soll im Tivoli laufen. Und wenn alles nach unserem Geschmack läuft, gibt es nach 90 Minuten nur eine Kritik: Wacker hat gerockt – Violett erlebte den Horror. Vorhang auf fürs Westderby! 

Artikelbild: GEPA pictures/ Philipp Brem

Artikel Info

Autor: Rudolf Tilg
Veröffentlicht: 12. Oktober 2026
Kategorie: Fanleben
Lesezeit: 6 Minuten

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