Wacker und Innsbruck – das war noch nie eine Beziehung für schwache Nerven. Heute himmelhoch jauchzend, morgen grantelnd in der Ecke. Auf dem Rasen genauso wie auf den Tribünen. Die Erfolge beim Durchmarsch zurück in die 2. Liga liegen hinter uns, das große Westderby gegen Austria Salzburg (verlor mit 1:2 in Voitsberg) noch vor uns – und dafür waren in kürzester Zeit unglaubliche 16.125 Karten weg. Fußball lebt aber nicht von gestern und nicht von morgen. Fußball lebt vom Tagesgeschäft. Und das ist manchmal verdammt unbequem.
Mentalität und Entwicklung ist gefragt
Die Vergangenheit machte uns zum Mythos. Die Zukunft lässt uns hoffen. Aber die Gegenwart ist die Realität. Und genau die zählt. Gegen die zweite Mannschaft von Sturm Graz ist ein 2:2 nach einer 2:0 Führung alles andere, als zufriedenstellend.
Eigentlich hätte dieser irre Cupsieg im Linzer Donaupark etwas auslösen müssen. 0:2 hinten, den Tabellenführer innerhalb von zwölf Minuten zerlegt und mit einem 3:2 nach Hause gefahren. Brust raus, Selbstvertrauen getankt und jetzt geht was. Denkste. Gerade einmal zwei Punkte aus den letzten drei Ligaspielen sind zu wenig. Nicht dramatisch und schon gar kein Grund, alles schlechtzureden. Auffällig ist aber der Leistungsabfall. Gegen Voitsberg spielte Wacker eine richtig gute erste Hälfte und verabschiedete sich danach beinahe ins Wochenende. Am Samstag gegen Sturm Graz II dasselbe Bild – nur noch deutlicher.
Dabei begann der Nachmittag in Gleisdorf nach Wunsch. Gstrein nach sechs Minuten, Sy nach einer Viertelstunde – 2:0. Wacker hatte das Spiel unter Kontrolle. Bis dahin noch ohne ihre Fans. Erst nach der 2:0 Führung füllte sich der schwarz-grüne Sektor mit den Fanclubs, die dann zusammen mit den bereits anwesenden Fans das Spiel zu einem Heimspiel für den FCW machten. Ins steirische Gleisdorf ist es ein sehr weiter Weg und Staus bis dorthin leider keine Seltenheit. Sturm gelang noch vor der Pause der Anschlusstreffer. Und offenbar blieb danach einiges in der Kabine zurück.
Nach Wiederbeginn spielten fast nur noch die jungen Grazer. Wacker lief hinterher, schaute zu und verlor völlig den Zugriff. Nach 58 Minuten stand es 2:2. Noch bedenklicher: In der gesamten zweiten Hälfte brachte Wacker gerade einmal einen einzigen Torschuss zustande.
„KÄMPFEN – INNSBRUCK – KÄMPFEN“ hallte es von den mitgereisten Wackerianern durch das Stadion. Viel mehr blieb ihnen zeitweise auch nicht übrig. Die Leistung der Innsbrucker in den zweiten 45 Minuten ist stark ausbaufähig. Hingegen gaben die Schwarz-Grünen unter den 450 Zuschauern alles. Zu hören, bis nach Tirol. Zu sehen war nichts. Mein Bildschirm blieb schwarz. Aber wozu gibt es den „tivoli12-Liveticker“. Das war womöglich ohnehin besser so.
Natürlich können solche Phasen passieren. Wir sind Aufsteiger, wieder im Profifußball und niemand hat behauptet, dass die 2. Liga ein Spaziergang wird. Aber nach diesem emotionalen Pokalabend in Linz hätte man schon erwartet, dass die Mannschaft den Schwung mitnimmt und sich weiterentwickelt hat.
Ein Sturm kann für Bauchschmerzen sorgen
Ein Sturm kann bekanntlich auch einmal Dünnpfiff hervorrufen. Vielleicht sollten wir deshalb zufrieden sein, dass es in Gleisdorf vorerst bei heftigen Blähungen geblieben ist. Krank ist diese Mannschaft deswegen noch lange nicht. Ein bisschen Bauchgrummeln darf man nach den letzten Auftritten aber verspüren. Vor allem, weil sich etwas wiederholt: stark beginnen, das Spiel kontrollieren – und irgendwann den Faden verlieren. Da kommt die lange Länderspielpause wie gerufen. Bis zum 10. Oktober bei Rapid II bleibt Trainer Siller Zeit, herauszufinden, warum seiner Mannschaft zuletzt immer wieder der Saft ausging. Bevor aus den Blähungen tatsächlich heftiges Bauchweh wird…
Von himmelhoch jauchzend bis zu Tode betrübt
Wankelmütig ist in Innsbruck allerdings nicht nur die Mannschaft. Das Publikum war immer schon leidenschaftlich und euphorisch – aber auch verdammt kritisch. Die Zuschauerzahlen lesen sich deshalb fast genauso wie die sportliche Geschichte: als Achterbahn. Die Beispiele dafür ziehen sich durch die Jahrzehnte. Anfang der 1960er kamen in der Regionalliga teilweise schon mehr als 2.000 Menschen ins schmucke Tivolistadion zu Innsbruck. Nach dem Aufstieg 1964 waren es plötzlich über 10.000 im Schnitt und gegen Rapid sogar 16.000.
Später wieder dasselbe Spiel: 13.000 gegen Rapid und 2.000 gegen Neusiedl. 16.000 gegen die Spitzenklubs und bei einem anderen Heimspielen schon mal unter 1500. Auch in der goldenen Ära… Einmal lediglich 1.000 gegen Austria Wien (!), 10.000 hingegen gegen Austria Salzburg und 900 gegen St. Pölten. Jo, so waren sie „die oiten Wockersleit“. Das zieht sich wie ein Faden durch Wackers Historie. Tiefpunkt war da ein „Westderby“ ende der 90er vor 870 zahlenden Zuschauern. Aber mit diesen Derbys wird sich das „tivoli12 magazin“ noch intensiver befassen. Überhaupt stellen die 90er Jahre jede Achterbahn in den Schatten. Jedoch ist vieles vom Radar verschwunden. Logischerweise erinnert man sich eher an große und ausverkaufte Spiele.
Von 16.000 auf 1.000 – das sah der Tivoli auch
Wenn Wacker etwas Besonderes versprach, war Tirol da. Wenn die sportliche Realität den Erwartungen hinterherhinkte, konnte es am Tivoli aber verdammt schnell einsam werden. Kredit gibt es nicht geschenkt. Natürlich hängt Zuschauerresonanz mit sportlichem Erfolg zusammen. Das ist keine Besonderheit hierzulande. Erfolg bringt Begeisterung, Begeisterung bringt Menschen ins Stadion – und volle Ränge bedeuten Einnahmen und damit auch wirtschaftliche Stabilität.
Wacker hat sich in den vergangenen Jahren viel Kredit zurück erarbeitet. Drei Aufstiege, große Spiele, volle Häuser und eine Euphorie, die wir lange vermisst haben. Aber dieser Kredit wird nicht von allein ausbezahlt. Man muss ihn sich immer wieder verdienen – auf und neben dem Platz.
Denn eines hat sich seit 1964 nicht geändert: Wenn Tirol spürt, dass etwas entsteht und unten am grünen Rasen alles gegeben wird, sind die Leute da. Egal aus welchen Ecken Tirols. Wir haben mit diesem Verein Meisterschaften gefeiert, Abstiege und sogar Schlimmeres überstanden und sind nicht nur einmal tief gefallen. Wir schimpfen, zweifeln und feiern – aber Gleichgültigkeit lag noch nie in der DNA von uns Wackerianern. Beim nächsten Mal stehen wir trotzdem wieder da. Weil Schwarz-Grün eben nicht nur Fußball ist. Es ist ein verdammt großes Stück Lebensgefühl.
Foto: GEPA pictures/ Benjamin Woerz
