Ich bin dann mal weg

Ich bin dann mal weg

24. Juli 2026·Stefan Weis·5 Min. Lesezeit

Raus. Aus dem lehrreichen, unterhaltsamen, nachbarschaftlichen, manchmal fast zu spannenden, aber beinahe ausschließlich freundlichen Erleben des Nordtiroler Ligaalltags und des angrenzenden Regionalligafußballs zurück in den Profibetrieb. Wieder Teil der Bundesliga. #LigaZwa. TV-Übertragungen. Podcasts. Österreichweite Beachtung… So richtig fassen kann man es noch nicht. Die schwarz-grüne Seele giert stets nach mehr, aber sie ist Rückschläge, tiefe Narben, dunkles Tal, Existenzangst gewohnt. Kein Wunder, dass jedes Spiel wie das erste, wie das vielleicht letzte zelebriert wird – ganz egal, wer der Gegner ist. Und wenn er erneut SVG Reichenau heißt.

„Wer erleuchtet werden will, muss wahrscheinlich erst mal das totale Gegenteil erleben – die Verfinsterung.“

Ich bewundere jede:n, der/die in den letzten Jahren seinen unbrechbaren Optimismus bewahren konnte. Fußball ohne Erfolg ist in Tirol wie ein Aperol Spritz in der brennenden Juli-Sonne. Ein verlockender Geschmack der Freiheit. Doch wer ihn nicht schnell genug konsumiert, erlebt eine fade Schalheit. Und selbst durstlöschend bleibt er nicht durch seine bittere Süße, die alles überdeckt. Ein Trugbild der Fröhlichkeit. Oder ist es eher so, wie Hape Kerkeling es in seiner Erfahrung des Camino, des Jakobswegs beschreibt? „Auf dem Weg treffe ich eigentlich immer wieder nur auf eins: auf mich.“ Als Johannes Kristoferitsch im April 2023 für die #Zwarakonferenz nach dem frisch verpackten LA-Deal fragte, wann man sich endlich wieder in der zweiten Liga sieht, wagte ich den weitesten Schritt, den ich mir vorstellen konnte. Das Internet vergisst nicht. „Ich bleib naiv und für meine Situation optimistisch… Ja, wir sehen uns in Liga Zwa wieder. Wenn meine Kids studieren“, das findet sich auf Twitter. Knapp ein Jahr zuvor hatte ich meinen Ältesten, gerade vier Jahre alt, mit nach Innsbruck genommen – er sollte einmal den FC Wacker gesehen haben, bevor es ihn nicht mehr geben wird. Innsbruck gewann als designierter Absteiger 3:0 gegen Tabellenführer und Aufsteiger Lustenau. Seitdem prallen zwei Welten aufeinander – meine, die jeden Mittwoch auf die ausstehenden Zahlungen wartet, und die des Kindes, das weiß, dass Wacker einfach gewinnen wird.

„Das Universum ist durchaus für eine Überraschung gut.“

Hapes Erkenntnis auf dem Jakobsweg könnte das schwarz-grüne Wappen umrahmen. Vor drei Jahren in Liga fünf, um wenige Punkte die Relegation verpasst. Nun, drei Ligen, 84 Spiele, 71 Siege, 10 Remis, nur drei Niederlagen, unfassbare 268 Tore bei 45 Gegentreffern später, findet sich der FCW in Österreichs zweithöchster Spielklasse wieder. Und der Auftritt im Cup ist kein Gimmick, sondern Ligaalltag. Wie unfassbar schön, dass dieses Auftaktspiel den FC Wacker in seine jüngste Vergangenheit zurückholt. Es ist das sechste Duell, seit sich die drohenden Gewitterwolken 2021 über dem Tivoli abgezeichnet haben. Gab es in der Vorbereitung auf die letzte Zweitliga-Saison noch ein 8:0 für Innsbruck, brachte das Aufeinandertreffen in der Winterpause ein torloses 0:0. Die Kaderspieler des Auftakts finden sich heute in Feldkirchen, Amstetten, Sittard, St. Johann, München, Oedt, Linz, Hartberg, Wattens, Mieming, Fügen, Stetten und Schalchen. Stefan Pribanovic ging seinen Weg über Halberstadt und Chemnitzer FC zurück nach Tirol, in die Reichenau. Und mit Alexander Joppich, Florian Kopp und Raphael Gallé finden sich drei Spieler, die auch heute, nach Abstieg in die fünfte Liga, wieder im Kader der Innsbrucker aufscheinen. Alle drei sind nach Ausflügen durch Österreich erneut an der Sill gelandet, haben teilweise die Cup-Schlachten 2024 und 2025 (2:4 i.E., 4:5 i.E.), die Ligaspiele 2025 und 2026 (3:0, 4:0) miterlebt, wie Joppich und Kopp sich sogar in die Torschützenliste eigetragen.

„Irgendwas wird dieser Weg schon in mir verändern.“

Wenn Wacker jetzt erneut auf die Reichenau trifft, dann ist das nicht nur eine letzte Reminiszenz an die vergangenen Jahre. Es ist ein Zurückkehren zu dem, was Innsbruck in den vergangenen Jahren wieder geerdet hat, was Schwarz-Grün hoffentlich geprägt hat. Echte Freude um den Fußball. Man trifft dabei auf alte Bekannte, wie etwa Mateo Hilber, der diesen Sommer nach seinen Jahren beim IAC quasi im Austausch für Abulfazl Sadeqi den Platz in den Teams gewechselt hat. Auf Sefik Abali, Lucas Caria, Clemens Hubmann, Denis Muslimovic, Emanuel Ponholzer, Jakob Singer, David Stoppacher, die Teile ihre Ausbildung in Schwarz-Grün durchlaufen haben. Auf Lukas Hupfauf, der wackere Höhen am Tivoli erleben durfte. Man begegnet Christoph Eller, den torgefährlichen Flügelspieler von Imst, der den Reichenauer Scorer Mario Kleinlercher ersetzen soll. Kleinlercher kehrt zurück zu seinem Stammverein, in die Heimat, nach St. Jakob im Defereggental. Dem Ort, der die Jakobsmuschel in seinem Wappen trägt – und doch kein Teil des Weges nach Santiago de Compostela ist, zu abgelegen liegt man in den Bergen versteckt.

„Wir müssen alle auf die eine oder andere Weise unweigerlich durch unsere Nächte wandern – und besser, wir tun es freiwillig.“

So einiges an Veränderung gibt es zu Beginn der neuen Saison. Und doch mit der SVG aus dem Innsbrucker Stadtteil ein alter Bekannter als ersten Gegner. Einen, der seine erste urkundliche Erwähnung im Urbarium von Meinhard II. findet. Dem Görzer Grafen, dessen Vater als quasi Osttiroler das heutige Tirol erheiratete. Um in seinem Machstreben gleich in eine militärische Niederlage im kleinen Kärntner Ort Greifenburg zu laufen und seinen Sohn als Geisel an Salzburg zu verlieren. Dass Meinhard, nachdem er Tirol zu einer mächtigen Grafschaft hochgezogen hat, in genau jenem Ort am Kärntner Jakobsweg verstirbt, der zu seiner jugendlichen Gefangenschaft führte, ist eine bittere Anekdote der Geschichte. Doch zumindest war sein letzter Aufenthalt freiwillig. So wie Wackers kommender Auftritt gegen die Reichenau am Wochenende – es ist ÖFB-Cup, nicht Zwangsabstieg. Keine Tränen notwendig, hoffentlich. Oder wie Hape Kerkeling es schrieb: „In meinem Reiseführer steht, dass jeder Pilger auf seiner Reise mindestens einmal weinen wird. Bitte nicht gleich am ersten Tag.“

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Autor: Stefan Weis
Veröffentlicht: 24. Juli 2026
Lesezeit: 5 Minuten

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