Me, myself & I

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27. Oktober 2026·Stefan Weis·5 Min. Lesezeit

„Derby!“, wird gerufen. Emotionen beschworen, Geschichte bemüht, alte Kamellen herausgekramt. Und so gerne würde ich auf die Welle aufspringen, würde mich reinsteigern, wäre voller Aufregung. Aber irgendwie springt der Motor nicht an. Ja, der Cup, das K.O.-Prinzip, ein Achtelfinale, das ist mein Anker. Der Gegner ein Bundesligist, das ist mein Köder. Dass es Wattens ist – naja, nett. Aber nicht mehr. Leider.

When two become one

Schade eigentlich, denn mit Wattens gibt es eine ewige Geschichte. Wacker und Erfolg gab es schon vor 1971, das Wacker und Geldmangel allerdings auch. Dafür gab es ein paar Kilometer abwärts einen blühenden Konzern, der sich eine Werksportgemeinschaft in der höchsten Liga leistete. Im Aufstiegsjahr 68/69 rettete man sich mit einem Punkt und Rang 12 über die Zeit, die torreichen Partien gegen Innsbruck (3:3 und 4:1) brachte die nötigen Punkte gegen den Abstieg. Es wurde eingekauft, Budget war nicht das Problem, über den 7. Rang ging es aber trotzdem nicht hinaus. Währenddessen spielte Schwarz-Grün groß auf, holte Vizemeistertitel, Cupsieg, Meistertitel, entfachte das große Fußballfieber im Land. Ab 1971 wurden die besten Seiten beider Vereine zusammengezogen – da das Stadion, der Erfolg, die Euphorie, dort das Geld. Man spielte unter vielen Namen, sprach von Swarovski Innsbruck, von SSW, von Wacker. Nicht jedoch vom FC Tirol, der damals schon hätte entstehen sollen. Wohl etwas zuviel über den Karwendel nach München geschaut, wo seit 1969 die Roten zum Großklub hochstiegen. Und von Wattens? Also ganz ehrlich, eigentlich auch niemand. Es war halt Swarovski, nicht der Ort, der prägend war. Genauso in den 80ern, als Tyrolean die Brust übernahm, als die Spielgemeinschaft aufgelöst wurde, als Innsbrucks Lizenz übernommen wurde, als Farben und Namen weggewischt wurden, um Europa zu erobern – ohne die unfassbare Fußballliebe von Gernot Langes-Swarovski nicht möglich. In den 90ern war er es, nicht Wattens, der Schwarz-Grün ein Leben ermöglichte, wie auch um 2000, als sein Kredit dem Verein noch weitere Monate schenkte. Und als das Kartenhaus nach verpasster Champions-League und Cross-Border-Experimenten in sich zusammenstürzte, waren es Stocker und Langes, die gemeinsam mit der einjährigen Spielgemeinschaft und dem Pool an Regionalliga-Kickern einen tiefen Absturz verhinderten.

Sich selbst besiegen ist der schwerste Sieg

Soweit, so klar – aber irgendwie nicht allen. Denn seit sich Gernot gesundheitlich (und auch aus emotionalen Gründen) aus dem Fußball, aus der Öffentlichkeit zurückzog, seit sich bei der Werksportgemeinschaft der Konzern immer weniger einbrachte, seit dort neue Player an der Macht waren, veränderte sich auch die Erinnerung. Und mit ihr die Geschichte. Beinahe wie in Orwells 1984 – „Wer die Vergangenheit kontrolliert, kontrolliert die Zukunft.“ – änderten sich Wikipedia-Einträge, Online-Foren, Statistik-Seiten. Mit ihnen die Wiedergabe in Medien, die nicht auf eigene Erinnerung, sondern auf diese Grundlagen zurückgreifen mussten. Und auch persönlichen Kontakt pflegten. Dass es eine Spielgemeinschaft gab, dass ohne Wattens 2002 kein Wacker in dieser Art existieren würde – unzweifelhaft. Aber feierte Wattens vier österreichische Meistertitel in den 70ern? Spielte Wattens wie in mancher Erinnerung plötzlich sogar im blau-weißen Trikot? Die Neupinselung der Geschichte war nicht unerfolgreich, führt aber zu spannenden Fragen: darf den die Zweier-Mannschaft eines Bundesligisten in den 80ern schon in die zweite Division aufsteigen? Und kann sie gegen sich selbst im Cup antreten? Wie spiele ich gegen mich selbst – wie in der Schachnovelle von Stefan Zweig? Oder war es zumindest damals doch gängige Meinung, dass die Spielgemeinschaft auf dem Papier bestand, in Realität aber mehr Swarovski mit Innsbruck verband denn Wattens mit Wacker?

Sich selbst ein Bein gestellt

Das erste Mal über sich selbst stolperte Wattens im März 1985, als die WSG im Achtelfinale 5:0 gegen SSW verlor. Die Achse aus dem Kärntner Fußballverband wurde den Tirolern zum Verhängnis, zunächst der Rosentaler Arnold Koreimann eröffnete den Torreigen, der von Rapid Lienz nach Innsbruck gewanderte Osttiroler Robert Idl traf zweimal, den Rest erledigte der Wiener Alfred Roscher. Im April 1989 ging es dann nicht ganz so leicht. 90 Minuten brachten kein Tor, eine Verlängerung war notwendig. Es war wieder ein Spieler aus dem KFV, der traf – aber Klaus Praster war von Hermagor nach Wattens gewechselt, die WSG hatte die blau-weiße Swarovski-Truppe unter Druck gesetzt. Peter Pacult konnte mit einem Doppelpack in der 104. und 105. Minute den Favoriten noch weiterbringen, aber so mancher Wattener Spieler hatte sich ins Rampenlicht gespielt. Nicht der Torschütze, Praster wechselte zu Rapid Lienz. Aber etwa der Defensiv-Spieler Christian Ablinger, oder der junge Mittelfeld-Kicker Roland Kirchler. Etwas mehr als ein Jahr später trafen sich also quasi die Wattener wieder im Cup, die Buben von Heli Kraft hatten diesmal aber nicht viel zu melden. Schon in der 5. Minute traf Vaclav Danek, der einen unsauberen Hattrick schnürte und die Hälfte der Tore des Abends erledigte – 5:1 gewann Swarovski gegen seinen Werksportverein.

Allein statt vereint

Vom Gemeinsamen ist nicht mehr viel übrig. Ein bisserl, wie einen alten Freund wiederzutreffen, lange, nachdem man sich auseinandergelebt hat. Ein bisserl Smalltalk, ein bisserl Information nachholen, das wars dann schon. Respekt für den Lebenswandel, Anerkennung, sich so lange in der Bundesliga zu halten trotz geringem Budget. Dank für Gernots Einsatz für den Fußball, der Wackers Geschichte mitprägte. Alles ohne Neid, ohne Emotion. Wäre es nicht der Cup, eine K.O.-Partie, es wäre ein Spiel wie jedes andere. Schade irgendwie, aber auch nicht weiter schlimm…

Foto: privat

Artikel Info

Autor: Stefan Weis
Veröffentlicht: 27. Oktober 2026
Lesezeit: 5 Minuten

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